Zen: Sitzen, sonst nichts
Zen gilt im Westen als Inbegriff östlicher Meditation, wird aber oft mit einer Stimmung verwechselt. In den Klöstern ist Zen vor allem eines: strenge, schlichte Übung im Sitzen, deren Form wichtiger genommen wird als jede Erklärung.
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Von Chan zu Zen
Das Wort Zen ist die japanische Aussprache des chinesischen chan, das wiederum auf das Sanskritwort dhyāna zurückgeht, Versenkung. Die Schule entstand in China, wo sich indischer Buddhismus mit daoistischem Denken verband. Als ihr Gründer gilt der indische Mönch Bodhidharma, der im 5. oder 6. Jahrhundert nach China gekommen sein soll. Die Legende erzählt, er habe neun Jahre lang vor einer Wand gesessen. Historisch ist über ihn wenig gesichert, die Geschichte zeigt aber, worauf es der Schule ankam: auf das Sitzen selbst.
Nach Japan gelangte Zen im 12. und 13. Jahrhundert. Zwei Richtungen prägen es bis heute. Die Rinzai-Schule, die Eisai (1141–1215) aus China mitbrachte, arbeitet mit Kōan: paradoxen Aussprüchen, die das begriffliche Denken an seine Grenze führen sollen. Die Sōtō-Schule geht auf Dōgen (1200–1253) zurück. Sie betont das absichtslose Sitzen, das Dōgen shikantaza nannte, „nichts als sitzen“.
Zazen: die Form
Zazen heißt einfach Sitzmeditation. Die Form wird sehr genau genommen:
- Man sitzt auf einem runden Kissen (zafu) im vollen oder halben Lotussitz, im burmesischen Sitz oder im Fersensitz.
- Die Knie haben Kontakt zum Boden, das Becken ist leicht nach vorn gekippt, die Wirbelsäule aufgerichtet.
- Die Hände liegen im „kosmischen Mudra“ vor dem Unterbauch: die linke Hand in der rechten, die Daumenspitzen berühren sich leicht.
- Die Augen bleiben halb geöffnet, der Blick ruht etwa einen Meter vor einem auf dem Boden.
- In der Sōtō-Schule sitzt man mit dem Gesicht zur Wand, in der Rinzai-Schule zur Raummitte.
Warum so viel Form? Die Antwort der Lehrer ist meist schlicht: Die Haltung ist bereits die Übung. Wer aufrecht, wach und still sitzt, verwirklicht in diesem Moment, worum es geht. Es gibt nichts zu erreichen, was nicht schon da wäre. Das klingt paradox und soll es auch.
Kōan: Fragen ohne Antwort im Kopf
Das bekannteste Kōan stammt aus der Sammlung Mumonkan aus dem 13. Jahrhundert. Ein Mönch fragt Meister Zhaozhou, ob ein Hund Buddha-Natur habe. Die Antwort lautet: „Mu“, also Nichts oder Nein. Der Schüler soll das Wort nicht deuten, sondern mit ihm sitzen, bis sich das Fragen selbst auflöst. In Einzelgesprächen mit dem Lehrer (dokusan) wird geprüft, ob das Verständnis gelebt oder nur gedacht ist. Ohne Lehrer ist Kōan-Übung kaum sinnvoll, deshalb kommt sie in Büchern oft verkürzt an.
Kinhin, Sesshin, Samu
Zazen wird selten allein gelehrt. Zwischen den Sitzperioden, die meist 25 bis 40 Minuten dauern, gehen die Übenden langsam im Kreis. Dieses Kinhin ist keine Pause, sondern Übung in Bewegung. Mehrtägige Übungszeiten heißen Sesshin, „Sammlung des Herzens“. Sie verbinden viele Stunden Zazen am Tag mit Schweigen, Rezitation, schlichten Mahlzeiten und Samu, achtsamer Arbeit im Haus oder Garten.
Wie Sie Zen kennenlernen können
Viele Zen-Gruppen in Deutschland bieten Einführungsabende an, bei denen Haltung, Ablauf und die Regeln im Übungsraum (zendō) erklärt werden. Dazu gehören Verbeugungen beim Betreten, Stille und festgelegte Zeichen mit Glocke und Holz. Wer zu Hause beginnen will, kann zweimal am Tag fünfzehn Minuten vor einer leeren Wand sitzen, mit halb offenen Augen und ohne Programm. Der Zen-Satz dazu stammt sinngemäß von Dōgen: Das Sitzen ist nicht der Weg zur Erleuchtung, es ist ihr Ausdruck. Ob man das so sieht, entscheidet sich nicht beim Lesen, sondern auf dem Kissen.