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MeditationOst · West
Westliche Wege

Das Herzensgebet: Atem und Name

„Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner.“ Dieser eine Satz, still und immer wieder gebetet, ist das Herz einer der ältesten Meditationsformen des Christentums. Er zeigt, wie nah sich Ost- und Westkirche mit Übungen berühren, die man sonst nur aus Asien kennt.

Aktualisiert am · Lesezeit etwa 4 Minuten

Ikone des heiligen Gregorios Palamas mit Buch, byzantinischer Stil
Ikone des Gregorios Palamas (15. Jahrhundert, Nordgriechenland). Der Erzbischof von Thessaloniki verteidigte im 14. Jahrhundert die Gebetspraxis der Athos-Mönche. Bild: Мастер Северной Греции (Фессалоники?) начала XV века · gemeinfrei · Wikimedia Commons

Betet ohne Unterlass

Am Anfang steht ein Satz des Apostels Paulus: „Betet ohne Unterlass“ (1. Thessalonicher 5,17). Wie soll das gehen, wenn man doch arbeiten, essen und schlafen muss? Die Mönche der ägyptischen Wüste fanden eine Antwort in kurzen Gebetsformeln, die man immer und überall wiederholen kann. Aus diesen Anfängen entwickelte sich in der Ostkirche das Jesusgebet. In seiner verbreitetsten Form lautet es: „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner.“ Oft wird noch „des Sünders“ angefügt, oft wird es auch verkürzt.

Hesychasmus: die Tradition der Ruhe

Die Bewegung, die das Jesusgebet zur Meisterschaft entwickelte, heißt Hesychasmus, von griechisch hesychia, Ruhe oder Stille. Ihr Zentrum war seit dem Mittelalter der Berg Athos in Griechenland. Mönchsschriften aus dem 13. und 14. Jahrhundert beschreiben eine regelrechte Methode. Man sitzt auf einem niedrigen Schemel, neigt den Kopf, lenkt die Aufmerksamkeit in den Bereich des Herzens und verbindet die Worte des Gebets mit dem Atem.

Diese Praxis war umstritten. Kritiker spotteten über Mönche, die „ihre Seele im Nabel suchten“. Im 14. Jahrhundert verteidigte der Athos-Mönch und spätere Erzbischof von Thessaloniki, Gregorios Palamas, die Hesychasten. Nach seiner Lehre kann der Mensch Gott nicht in seinem Wesen erkennen, wohl aber in seinen „Energien“, etwa im Licht, das die Jünger bei der Verklärung Jesu auf dem Berg Tabor sahen. Mehrere Konzilien in Konstantinopel bestätigten diese Lehre, und bis heute prägt sie die orthodoxe Theologie.

Philokalie und der russische Pilger

1782 erschien in Venedig die Philokalie, eine große Sammlung asketischer und mystischer Texte vom 4. bis zum 15. Jahrhundert. Herausgegeben haben sie zwei griechische Mönche, Nikodemos vom Heiligen Berg und Makarios von Korinth. Eine kirchenslawische Übersetzung trug die Tradition bald nach Russland.

Dort entstand ein Buch, das das Jesusgebet weltweit bekannt machte: die Aufrichtigen Erzählungen eines russischen Pilgers. Ihr erster Teil erschien 1870 in Kasan. Ein namenloser Wanderer will wissen, wie man ohne Unterlass betet. Ein Starez lehrt ihn das Jesusgebet und gibt ihm die Philokalie zu lesen. Der Pilger wiederholt das Gebet zuerst dreitausend-, dann sechstausend-, dann zwölftausendmal am Tag, bis es ihm schließlich „von selbst“ im Herzen weiterläuft. Die Geschichte wurde in viele Sprachen übersetzt und im 20. Jahrhundert auch im Westen viel gelesen.

So wird geübt

Heutige Lehrer, orthodoxe wie katholische, empfehlen meist einen behutsamen Anfang:

  1. Setzen Sie sich aufrecht und ruhig hin, die Augen geschlossen oder gesenkt.
  2. Kommen Sie beim Atem an, ohne ihn zu verändern.
  3. Sprechen Sie das Gebet innerlich im Rhythmus des Atems, etwa „Herr Jesus Christus“ beim Einatmen, „erbarme dich meiner“ beim Ausatmen.
  4. Wenn Gedanken kommen, kehren Sie ohne Ärger zu den Worten zurück.
  5. Beginnen Sie mit 15 bis 20 Minuten und üben Sie möglichst täglich zur gleichen Zeit.

Viele benutzen eine Gebetsschnur aus geknoteter Wolle, im Russischen Tschotki, im Griechischen Komboskini. Bei jedem Knoten wird das Gebet einmal gesprochen. Mit der Zeit kann die Aufmerksamkeit „vom Kopf ins Herz“ sinken, wie die Tradition sagt. Gemeint ist ein Beten, das nicht mehr gedacht, sondern gefühlt und gelebt wird.

Nähe zum Mantra, und der Unterschied

Die Ähnlichkeit mit östlichen Mantra-Übungen fällt sofort auf: ein kurzer, heiliger Satz, verbunden mit dem Atem, gezählt an einer Schnur. Der Beitrag Mantra und Gesang geht dem genauer nach. Der Unterschied liegt im Verständnis. Das Jesusgebet ist kein Klang, der für sich wirkt. Es ist eine Anrede an eine Person. Die orthodoxe Tradition warnt ausdrücklich davor, das Gebet als Technik zu benutzen, mit der man Zustände herbeiführt. Wer es übt, betet und meditiert nicht nur. Diese Haltung der Anrede ist das Eigene des Herzensgebets, und sie unterscheidet es von der rein aufmerksamkeitsbasierten Meditation.

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