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Westliche Wege

Meister Eckhart: Gelassenheit und Abgeschiedenheit

Meister Eckhart ist der Mystiker, auf den sich östliche und westliche Lehrer gleichermaßen berufen. Seine Predigten über das Loslassen und den stillen Grund der Seele klingen erstaunlich nach Zen. Und doch sind sie ganz aus dem Christentum heraus gedacht.

Aktualisiert am · Lesezeit etwa 4 Minuten

Notariell beglaubigte Urkunde aus dem 14. Jahrhundert in lateinischer Schrift
Urkunde von 1327: Eckharts öffentliche Erklärung in Köln, er wolle alles widerrufen, was in seinen Schriften als Irrtum erwiesen werde. Bild: Wolter von Kettwig (notary) · gemeinfrei · Wikimedia Commons

Leben: Gelehrter, Prediger, Angeklagter

Eckhart wurde um 1260 in Thüringen geboren, vermutlich in Tambach bei Gotha. Er trat in Erfurt in den Dominikanerorden ein, studierte in Köln und Paris und wurde einer der wenigen Gelehrten seiner Zeit, die zweimal den Lehrstuhl des Ordens an der Pariser Universität innehatten. Daher der Titel „Meister“, lateinisch magister. Zugleich war er Oberer in seinem Orden und vor allem Prediger. In Straßburg und Köln predigte er vor Nonnen, Beginen und Laien auf Deutsch. Das war ungewöhnlich, denn gelehrte Theologie wurde damals lateinisch betrieben.

Gerade diese deutschen Predigten brachten ihn in Schwierigkeiten. 1326 eröffnete der Kölner Erzbischof ein Inquisitionsverfahren gegen ihn. Eckhart erklärte 1327 öffentlich, er habe nie etwas Irriges lehren wollen, und appellierte an den Papst in Avignon. Er starb, bevor das Urteil fiel, wahrscheinlich 1328. 1329 verurteilte eine päpstliche Bulle 28 Sätze aus seinen Schriften. Sie hielt aber zugleich fest, dass Eckhart vor seinem Tod alles widerrufen habe, was als Irrtum gelten könne.

Abgeschiedenheit

Ein zentraler Begriff Eckharts ist die Abgeschiedenheit. Er meint damit nicht Rückzug aus der Welt, sondern eine innere Freiheit von allem Anhaften. Sie ist ein Zustand, in dem der Mensch nichts will, nichts weiß und nichts hat. In einem eigenen Traktat stellt Eckhart die Abgeschiedenheit sogar über die Liebe. Er begründet das so: Die Liebe zwinge den Menschen, Gott zu lieben, die Abgeschiedenheit aber zwinge Gott, zum Menschen zu kommen. Das ist bewusst zugespitzt und sollte provozieren.

Gelassenheit

Das Wort Gelassenheit hat Eckhart geprägt oder zumindest berühmt gemacht. Ursprünglich bedeutet es: gelassen haben, losgelassen haben. In den Reden der Unterweisung, die er als junger Prior in Erfurt hielt, rät er sinngemäß, zuerst sich selbst zu lassen. Dann habe man alles gelassen. Es geht also nicht um Gleichgültigkeit, sondern um ein Freiwerden vom Eigenwillen, gerade mitten im tätigen Leben. Eckhart war kein Weltflüchtiger. In einer berühmten Predigt deutet er die Geschichte von Maria und Marta um und stellt die tätige Marta über die hörende Maria, weil sie gelernt habe, in der Arbeit gesammelt zu bleiben.

Seelengrund und Gottesgeburt

Im Innersten der Seele gibt es nach Eckhart einen „Grund“, ein „Fünklein“, das ungeschaffen und mit Gott eins ist. Wenn der Mensch ganz leer geworden ist, kann in diesem Grund die „Geburt Gottes in der Seele“ geschehen. Eckhart spricht sogar von einem „Durchbruch“ durch Gott hindurch in eine namenlose Gottheit jenseits aller Vorstellungen. Hier berührt sich seine Sprache mit der negativen Theologie, die über Gott nur sagen will, was er nicht ist.

EckhartZen
GrundbegriffAbgeschiedenheit, GelassenheitLoslassen, Nicht-Anhaften
ZielGottesgeburt im SeelengrundSchau der eigenen Natur (kenshō)
Spracheparadoxe Predigtparadoxes Kōan
AlltagMarta vor MariaHolz hacken, Wasser tragen
UnterschiedBeziehung zu Gottkein persönlicher Gott

Eckhart und der Osten

Seit dem 19. Jahrhundert haben Philosophen Eckhart mit östlichem Denken verglichen. Arthur Schopenhauer sah bei ihm und im Buddhismus dieselbe Lehre. Der japanische Zen-Gelehrte Daisetz T. Suzuki widmete ihm in seinem Buch Mysticism: Christian and Buddhist (1957) lange Kapitel. Heute zitieren Zen-Lehrer im Westen Eckhart gern, und in christlichen Zen-Gruppen gilt er fast als Schutzpatron.

Man sollte die Gemeinsamkeiten nicht überdehnen. Eckharts Leere ist die Leere eines Gefäßes, das für Gott bereit wird. Die buddhistische Leerheit (śūnyatā) meint, dass nichts ein unabhängiges Eigensein hat. Beide Denkfiguren treffen sich in der Praxis des Loslassens, gehen aber von verschiedenen Voraussetzungen aus. Der Beitrag Ich und Nicht-Ich verfolgt diese Frage weiter.

Eckhart lesen

Wer Eckhart lesen will, beginnt am besten mit den Reden der Unterweisung und einigen deutschen Predigten in einer neuhochdeutschen Übertragung. Man muss nicht alles verstehen. Eckhart selbst hat seinen Hörern geraten, sich nicht zu sorgen, wenn sie ihn nicht verstünden: Wer der Wahrheit nicht gleich sei, verstehe diese Rede nicht. Das ist keine Arroganz, sondern eine Einladung, die Texte wie ein Kōan zu behandeln: langsam, wiederholt und mit der eigenen Übung im Hintergrund.

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