Kundalini-Meditation: zwischen Tantra und Tanzfläche
Kaum ein Begriff aus dem Yoga ist so von Versprechungen umgeben wie Kundalini. Ein Blick in die Quellen zeigt ein nüchterneres Bild. Er zeigt auch, dass heute sehr verschiedene Dinge unter diesem Namen angeboten werden.
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Was das Wort bedeutet
Kuṇḍalinī bedeutet im Sanskrit etwa „die Zusammengerollte“. In tantrischen Texten des indischen Mittelalters bezeichnet es eine Kraft, die wie eine schlafende Schlange am unteren Ende der Wirbelsäule ruht. Durch Übung soll sie geweckt werden und durch einen feinstofflichen Zentralkanal (suṣumnā) nach oben steigen. Links und rechts davon verlaufen zwei weitere Kanäle, iḍā und piṅgalā, die in der Vorstellung mit Mond und Sonne, Kühle und Wärme verbunden sind. Entlang der Achse liegen Zentren, die cakra („Räder“) genannt werden.
Wichtig ist: Es handelt sich um ein Bild des Körpers, das für die Übung gedacht ist, nicht um Anatomie. Die Texte selbst sind sich keineswegs einig. Manche nennen vier Zentren, andere sechs oder mehr. Das heute verbreitete System mit sieben Chakren, festen Farben und zugeordneten Organen verbreitete sich im Westen vor allem im 20. Jahrhundert, unter anderem durch theosophische Autoren.
Kundalini im Hatha Yoga
In den klassischen Hatha-Yoga-Texten wie der Haṭhayogapradīpikā (15. Jahrhundert) steht das Erwecken der Kundalini im Mittelpunkt. Dazu dienen Körperhaltungen, Atemtechniken mit Anhalten des Atems, Verschlüsse (bandha) und Gesten (mudrā). Ziel ist nicht Wohlgefühl, sondern ein Zustand der Versenkung, in dem die Unterscheidung von Subjekt und Objekt aufgehoben ist. Mehr zur Geschichte finden Sie im Beitrag Hatha Yoga.
Zwei moderne Formen
Wer heute „Kundalini-Meditation“ sucht, stößt vor allem auf zwei Angebote, die wenig miteinander zu tun haben.
Kundalini Yoga nach Yogi Bhajan. Seit 1969 unterrichtete Harbhajan Singh Khalsa, genannt Yogi Bhajan, in den USA ein System aus Bewegungsfolgen (kriyā), kräftigen Atemübungen, Mantras und Meditationen mit festgelegter Dauer. Die Bewegung verbreitete sich weltweit. Nach seinem Tod wurden 2020 in einem Untersuchungsbericht schwere Vorwürfe des Machtmissbrauchs und sexueller Übergriffe öffentlich. Viele Lehrende haben sich seitdem mit der Frage auseinandergesetzt, wie sie mit dieser Herkunft umgehen.
Aktive Meditation nach Osho. Der indische Lehrer Rajneesh, später Osho genannt, entwickelte eine „Kundalini-Meditation“ in vier Phasen von je etwa einer Viertelstunde: Schütteln, freies Tanzen, stilles Sitzen oder Stehen, Liegen. Die Idee dahinter: Wer sich zuerst körperlich ausagiert, findet danach leichter in die Stille. Mit den tantrischen Texten hat das außer dem Namen wenig gemein.
| Klassischer Hatha-Kontext | Moderne Angebote | |
|---|---|---|
| Ziel | Versenkung, Befreiung | Entspannung, Energie, Wohlbefinden |
| Mittel | Atemanhalten, Bandhas, Mudras | Bewegung, Tanz, Mantra, Atem |
| Rahmen | Lehrer-Schüler-Beziehung | Kurs, Aufnahme, Gruppe |
| Tempo | über Jahre | oft in einer Sitzung |
Warum Vorsicht angebracht ist
Die alten Texte warnen selbst davor, Atemtechniken ohne Anleitung zu forcieren. Auch heute berichten manche Übende von Hitzewellen, Zittern, Herzrasen, Schlafstörungen oder starker Angst, besonders nach intensivem Atmen oder sehr langen Sitzungen. In der Fachliteratur wird dafür gelegentlich der Begriff „Kundalini-Syndrom“ verwendet. Er ist allerdings nicht als eigenständige Diagnose anerkannt. Solche Erfahrungen sind selten. Sie werden aber ernster genommen, seit Forscher systematisch nach unerwünschten Wirkungen von Meditation fragen.
Ein behutsamer Zugang
Wer sich für das Bild der aufsteigenden Achse interessiert, kann es auch ruhig nutzen. Setzen Sie sich aufrecht hin und spüren Sie den Kontakt des Beckens mit der Unterlage. Lassen Sie die Aufmerksamkeit dann mit jedem Einatmen ein Stück an der Wirbelsäule nach oben wandern, bis zum Scheitel, und mit dem Ausatmen wieder hinab. Das ist keine Erweckung einer Schlangenkraft, aber eine schöne Übung, um Aufrichtung und Atem zu verbinden. Die Übung passt gut zum Lotussitz oder zu jeder anderen stabilen Sitzhaltung.