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Westliche Wege

Christliche Mystik: Kontemplation im Abendland

Wer im Westen Stille sucht, blickt oft nach Asien und übersieht dabei eine Tradition vor der eigenen Haustür. Die christliche Mystik hat über fünfzehn Jahrhunderte Übungswege des inneren Gebets entwickelt, die an Tiefe und Genauigkeit den östlichen kaum nachstehen.

Aktualisiert am · Lesezeit etwa 4 Minuten

Gemälde von Peter Paul Rubens: Teresa von Ávila blickt zu einer Taube auf
Peter Paul Rubens: Die Vision der heiligen Teresa von Ávila (um 1614). Teresa beschrieb den inneren Weg als Wanderung durch die Wohnungen einer „inneren Burg“. Bild: Peter Paul Rubens · gemeinfrei · Wikimedia Commons

Meditation und Kontemplation: eine Begriffsverwirrung

Wer mittelalterliche Texte liest, stolpert zunächst über die Wörter. Im lateinischen Sprachgebrauch der Klöster bedeutete meditatio das wiederholende, kauende Nachsinnen über einen Bibeltext. Das ist fast das Gegenteil dessen, was man heute unter Meditation versteht. Das wortlose Verweilen in Gottes Gegenwart hieß contemplatio. Heute nennt man die stille, gegenstandslose Form im christlichen Raum deshalb meist Kontemplation und meint damit ungefähr das, was im Buddhismus Versenkung heißt. Mehr zu den Begriffen im Beitrag Was ist Meditation?.

Die Wüstenväter

Die Wurzeln liegen in Ägypten, Palästina und Syrien. Im 4. Jahrhundert zogen Männer und Frauen in die Wüste, um in Einsamkeit und Einfachheit zu beten. Ihre Aussprüche wurden gesammelt und sind bis heute lebendig. Der Mönch Evagrius Pontikus († 399) beschrieb das Gebet als ein Ablegen aller Gedanken und Bilder. Er beobachtete, wie Gedanken im Geist aufsteigen und die Aufmerksamkeit zerstreuen, mit einer Genauigkeit, die an buddhistische Lehrreden erinnert. Johannes Cassian brachte diese Lehren in den lateinischen Westen. In seinen Unterredungen empfiehlt er, einen einzigen Psalmvers unablässig zu wiederholen: „Gott, komm mir zu Hilfe; Herr, eile, mir zu helfen.“

Lectio divina: vom Lesen zum Schweigen

Im 12. Jahrhundert fasste der Kartäuser Guigo II. die klösterliche Schriftbetrachtung in vier Stufen zusammen, die er als Leiter beschrieb:

  1. Lectio: langsames, lautes oder halblautes Lesen eines kurzen Textes
  2. Meditatio: Wiederholen und Bedenken eines Wortes, das hängen geblieben ist
  3. Oratio: Antwort im persönlichen Gebet
  4. Contemplatio: stilles Verweilen ohne Worte

Diese Stufenfolge wird in Klöstern und Gemeinden bis heute geübt. Sie eignet sich auch für Menschen, denen das wortlose Sitzen fremd ist, weil sie beim Text beginnt und erst allmählich in die Stille führt.

Die Wolke des Nichtwissens

Ein anonymer englischer Verfasser schrieb im 14. Jahrhundert eine Anleitung, die zu den erstaunlichsten Texten der Mystik gehört: The Cloud of Unknowing. Gott, heißt es dort, lasse sich nicht mit dem Verstand erfassen, sondern nur mit Liebe. Zwischen dem Betenden und Gott liegt eine „Wolke des Nichtwissens“. Alles andere soll man unter eine „Wolke des Vergessens“ legen. Als Hilfe empfiehlt der Autor ein einziges kurzes Wort, etwa „Gott“ oder „Liebe“, an dem man festhält, wenn Gedanken kommen. Trappistenmönche in den USA griffen diesen Text in den 1970er-Jahren auf und entwickelten daraus das Centering Prayer, eine Form des stillen Gebets, die heute weltweit geübt wird.

Teresa von Ávila und Johannes vom Kreuz

Im Spanien des 16. Jahrhunderts erreichte die Mystik einen Höhepunkt. Teresa von Ávila (1515–1582), Karmelitin und Reformerin ihres Ordens, beschrieb in ihrem Werk Die innere Burg den Weg des Gebets als Wanderung durch sieben Wohnungen einer Burg aus Kristall, in deren Mitte Gott wohnt. Sie schildert Trockenheit, Zerstreuung und Rückfälle ebenso nüchtern wie Erfahrungen tiefer Sammlung. Ihr Rat, dem inneren Gebet nicht aus dem Weg zu gehen, weil man sich schwach fühlt, klingt sehr modern.

Ihr jüngerer Mitbruder Johannes vom Kreuz (1542–1591) prägte das Bild der „dunklen Nacht“. Gemeint ist eine Phase, in der alle gewohnten Tröstungen des Gebets wegfallen und der Glaube nur noch nackt da ist. Johannes deutet sie nicht als Scheitern, sondern als Reinigung. Heute wird der Begriff oft für seelische Krisen gebraucht. Das ist nicht falsch, verkürzt aber seinen Sinn.

ÜbungChristliche FormÖstliches Gegenstück
WiederholungJesusgebet, PsalmversMantra, Nembutsu
TextbetrachtungLectio divinaRezitation von Sutren
BildbetrachtungIgnatianische ExerzitienVisualisierung im Vajrayana
Wortloses VerweilenKontemplation, Gebet der RuheShikantaza, Dzogchen

Ignatius: Meditation mit Bildern

Einen anderen Weg ging Ignatius von Loyola (1491–1556), der Gründer des Jesuitenordens. In seinen Geistlichen Übungen (Exerzitien) lädt er dazu ein, sich Szenen aus dem Leben Jesu mit allen Sinnen vorzustellen: Was sehe ich, was höre ich, wie riecht es? Die Vorstellungskraft wird also bewusst genutzt, ähnlich wie in der tibetischen Meditation. Dazu kommt das tägliche „Gebet der liebenden Aufmerksamkeit“, ein Rückblick auf den Tag, der Steiners Rückschau-Übung ähnelt.

Was diese Tradition auszeichnet

Anders als viele östliche Wege versteht die christliche Mystik das Ziel nicht als Einsicht in die Leerheit aller Dinge. Sie sieht es als Beziehung zu einem persönlichen Gott. Die Stille ist kein Selbstzweck, sondern ein Hören. Daraus folgt eine eigene Tonlage: Die Texte sprechen von Sehnsucht, Liebe und Hingabe, wo buddhistische Texte eher von Klarheit und Loslassen reden. Wer im Westen aufgewachsen ist, findet in diesen Bildern manchmal einen Zugang, der ihm näher liegt als die Begriffe einer fremden Sprache. Der Beitrag über Meister Eckhart zeigt, wie radikal auch diese Tradition sein kann.

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