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Was ist Meditation? Ein Wort, viele Übungen

Meditation ist zu einem Sammelbegriff geworden, unter dem sich Atemübungen, Gebete, Fantasiereisen und Schweigeretreats versammeln. Wer Ost und West vergleichen will, braucht zuerst ein Gefühl für die Wörter und für die Grundtypen, die hinter der Vielfalt stehen.

Aktualisiert am · Lesezeit etwa 4 Minuten

Zielscheibe: gestrichelte Wege führen von abschweifenden Punkten immer wieder zur Mitte zurück
Ein Grundmuster fast jeder Meditation: Die Aufmerksamkeit schweift ab und kehrt immer wieder zu einem Mittelpunkt zurück.

Ein lateinisches Wort für asiatische Übungen

Das Wort Meditation kommt vom lateinischen meditari: nachdenken, sinnen, sich einüben. In der Sprache der mittelalterlichen Klöster meinte meditatio das wiederholende Nachsinnen über einen Text. Wer ein Psalmwort „meditierte“, murmelte es vor sich hin, kaute es innerlich durch, bis es ihm vertraut war. Das wortlose Verweilen bei Gott hieß dagegen contemplatio, Kontemplation. Im 19. und 20. Jahrhundert wurde „Meditation“ zum Übersetzungswort für asiatische Übungen, und damit verschob sich die Bedeutung. Heute verbindet man mit Meditation eher Stille als Nachdenken. Der Beitrag über christliche Mystik erzählt diese Geschichte ausführlicher.

Die Wörter der östlichen Traditionen

Die asiatischen Sprachen haben keinen einzelnen Oberbegriff, der genau „Meditation“ entspricht. Wichtig sind vor allem drei Wörter:

  • Dhyāna (Sanskrit), im Pali jhāna: die Versenkung, ein Zustand tiefer Sammlung. Über das chinesische chan wurde daraus das japanische zen.
  • Bhāvanā (Sanskrit und Pali): wörtlich „Hervorbringen, Entfalten“. Der Buddhismus nennt Meditation meist bhāvanā, also eine Kultivierung des Geistes, wie man ein Feld bestellt.
  • Samādhi: Sammlung, Einheit des Geistes. Im Yoga ist es das letzte der acht Glieder, im Buddhismus ein Teil des Achtfachen Pfades.

Das tibetische Wort für Meditation, gom, heißt „sich vertraut machen“. Das beschreibt vielleicht am besten, was in allen Traditionen geschieht: Man macht sich durch Wiederholung mit einer Haltung vertraut, bis sie selbstverständlich wird.

Drei Grundtypen

Die Meditationsforschung hat verschiedene Versuche unternommen, die Vielfalt zu ordnen. Eine einflussreiche Einteilung der Neurowissenschaftler Cortland Dahl, Antoine Lutz und Richard Davidson aus dem Jahr 2015 unterscheidet drei Familien:

  1. Aufmerksamkeitsübungen: Die Aufmerksamkeit wird auf einen Gegenstand gerichtet und immer wieder zurückgeholt, etwa zum Atem, zu einem Wort oder einem Bild. Oder sie bleibt offen für alles, was auftaucht. Beispiele sind Samatha, Zazen und die Körperreise.
  2. Aufbauende Übungen: Bestimmte Haltungen werden bewusst gepflegt, etwa Freundlichkeit, Mitgefühl oder Dankbarkeit. Beispiele sind die Metta-Meditation, Tonglen, Fürbitte und die Positivitätsübung Steiners.
  3. Dekonstruktive Übungen: Sie untersuchen die Erfahrung selbst, bis gewohnte Annahmen brüchig werden, etwa die Annahme eines festen Ichs. Beispiele sind Vipassana, die Kōan-Arbeit und die Analysemeditation des tibetischen Buddhismus.
FamilieÖstliche BeispieleWestliche Beispiele
AufmerksamkeitSamatha, Zazen, MantraHerzensgebet, Centering Prayer, Konzentrationsübung
AufbauMetta, TonglenFürbitte, Lectio divina, Spruchmeditation
DekonstruktionVipassana, KōanWolke des Nichtwissens, Rückschau

Die Tabelle ist grob. Die meisten Wege verbinden alle drei Familien. Sie zeigt aber, dass Ost und West nicht zwei verschiedene Sorten von Meditation haben. Beide kennen dieselben Grundbewegungen, gewichten sie nur unterschiedlich.

Was Meditation nicht ist

Aus dem Vergleich ergeben sich auch einige Abgrenzungen:

  • Nicht nur Entspannung. Entspannung ist oft ein Nebeneffekt, aber viele Übungen verlangen Wachheit und Anstrengung. Ein Sesshin oder ein Schweigekurs ist anstrengend.
  • Nicht „an nichts denken“. Kaum eine Tradition fordert das. Es geht darum, das Verhältnis zu den Gedanken zu verändern, nicht sie abzuschalten.
  • Nicht automatisch religiös oder automatisch säkular. Dieselbe Übung kann in einem religiösen, einem therapeutischen oder einem rein praktischen Zusammenhang stehen.
  • Nicht dasselbe wie Trance oder Hypnose. Meditation zielt meist auf erhöhte, nicht auf verminderte Klarheit. Die Grenzen zu geführten Fantasiereisen sind allerdings fließend.

Eine Arbeitsdefinition

Für diese Seite verwenden wir eine einfache Arbeitsdefinition: Meditation ist eine regelmäßig geübte, bewusst gestaltete Lenkung der Aufmerksamkeit, die eine bestimmte innere Haltung vertraut machen soll. Das ist weit genug für Zazen und Herzensgebet, für Metta und Rückschau. Es ist zugleich eng genug, um sie von bloßem Nachdenken oder vom Mittagsschlaf zu unterscheiden. Welche Haltung vertraut werden soll, ob Einsicht, Liebe, Gelassenheit oder Gegenwart Gottes, ist die eigentliche Frage. An ihr unterscheiden sich die Wege. Der Beitrag Ich und Nicht-Ich zeigt, wie grundsätzlich diese Unterschiede sein können.

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