Anthroposophische Meditation: der Schulungsweg Rudolf Steiners
In der Öffentlichkeit ist die Anthroposophie für Waldorfschulen, Demeter-Landwirtschaft und Eurythmie bekannt. Weniger bekannt ist, dass im Zentrum von Rudolf Steiners Lehre ein meditativer Übungsweg steht. Er unterscheidet sich in einem wichtigen Punkt von den meisten östlichen Wegen: Er stellt das Ich und das Denken in den Mittelpunkt.
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Steiner und sein Weg
Rudolf Steiner (1861–1925) war Philosoph und Goethe-Herausgeber. Ab 1902 leitete er die deutsche Sektion der Theosophischen Gesellschaft, die stark von indischen Lehren beeinflusst war. 1912/13 trennte er sich von ihr und gründete die Anthroposophische Gesellschaft. Ein Grund dafür war, dass er einen Erkenntnisweg für den modernen, westlichen Menschen suchte, der an das naturwissenschaftliche Denken und an das Christentum anknüpft, statt es hinter sich zu lassen.
Seinen Übungsweg beschrieb er zuerst 1904/05 in einer Aufsatzfolge in seiner Zeitschrift Lucifer-Gnosis. Später erschien sie als Buch unter dem Titel Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?. Weitere Anleitungen finden sich in Die Geheimwissenschaft im Umriss (1910) und in zahlreichen Vorträgen und persönlichen Hinweisen an Schüler.

Das Denken als Ausgangspunkt
Viele östliche Wege versuchen, das begriffliche Denken zur Ruhe zu bringen. Steiner geht einen anderen Weg. Er will das Denken verstärken und verwandeln, bis es von den Sinneseindrücken unabhängig wird. Eine typische Anfangsübung ist die Konzentration auf einen einfachen Gegenstand, etwa eine Stecknadel oder einen Bleistift. Fünf Minuten lang denkt man nur über diesen Gegenstand nach: woraus er besteht, wie er hergestellt wird, wozu er dient. Man bleibt dabei streng im Zusammenhang. Die Übung schult die Fähigkeit, das eigene Denken zu führen, statt von ihm geführt zu werden. Der Beitrag Die Rolle des Denkens vergleicht diesen Ansatz mit Zen und Vipassana.
Die sechs Nebenübungen
Neben der eigentlichen Meditation verlangte Steiner eine Schulung der Seeleneigenschaften. Er nannte diese Übungen „Nebenübungen“. Jede soll einige Wochen lang im Vordergrund stehen, dann kommt die nächste hinzu:
- Gedankenkontrolle: den Gedankenlauf für kurze Zeit selbst bestimmen
- Initiative des Handelns: täglich eine kleine, selbst gewählte, eigentlich unnötige Handlung zur festen Zeit ausführen
- Gleichmut: sich von Freude und Leid nicht hin- und herwerfen lassen, ohne abzustumpfen
- Positivität: auch im Hässlichen oder Misslungenen das Gute aufsuchen
- Unbefangenheit: Neuem offen begegnen, auch wenn es der eigenen Erfahrung widerspricht
- Gleichgewicht: die fünf Fähigkeiten miteinander in Einklang bringen
Die Parallele zum Achtfachen Pfad des Buddhismus, der Meditation mit rechter Rede und rechtem Handeln verbindet, liegt auf der Hand. Steiners Satz dazu ist sinngemäß: Für jeden Schritt in der Erkenntnis sollen drei Schritte in der Vervollkommnung des Charakters getan werden. Mehr dazu im Beitrag Meditation und Ethik.
Rückschau und Spruchmeditation
Eine weitere Grundübung ist die Rückschau. Abends lässt man den Tag in Bildern an sich vorüberziehen, und zwar rückwärts, vom Abend bis zum Morgen. Dabei betrachtet man sich wie einen fremden Menschen. Das Rückwärts-Vorstellen löst die Gedanken aus ihrem gewohnten Ablauf und übt einen ruhigen, unbeteiligten Blick auf sich selbst.
Im Zentrum der eigentlichen Meditation stehen oft Meditationssprüche. Das sind kurze Texte, meist von Steiner selbst verfasst, die man sich innerlich vergegenwärtigt, bis man ganz in ihrem Inhalt lebt. Der bekannteste ist der Grundsteinspruch, den Steiner an der Jahreswende 1923/24 bei der Neugründung der Gesellschaft in Dornach vortrug. Daneben gibt es Bildmeditationen wie die Betrachtung eines Samenkorns, in dem man die künftige Pflanze innerlich wachsen sieht.
Kritische Einordnung
Die Anthroposophie ist umstritten. Steiner behauptete, durch seinen Übungsweg zu übersinnlichen Erkenntnissen gelangt zu sein, etwa über Reinkarnation, Weltentwicklung und „geistige Wesen“. Diese Aussagen lassen sich wissenschaftlich nicht überprüfen. Einzelne Teile seines Werkes enthalten Vorstellungen über Völker und „Rassen“, die heute zu Recht kritisiert werden. Anthroposophische Organisationen haben sich von diesen Stellen inzwischen ausdrücklich distanziert. Man kann Steiners Übungen trotzdem als das nehmen, was sie zunächst sind: eine systematische Schulung von Aufmerksamkeit, Gedankenführung und Charakter. Ob man seiner Weltanschauung folgt, ist eine andere Frage.