Die Rolle des Denkens: abschalten oder erwecken?
„Beim Meditieren darf man nicht denken“ – dieses Missverständnis hält viele Menschen vom Üben ab. Tatsächlich gehen die Traditionen sehr verschieden mit dem Denken um. Manche lassen es ziehen, manche benutzen es gezielt, und eine will es sogar verstärken.
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Das Missverständnis vom leeren Kopf
Wer zum ersten Mal meditiert, erschrickt oft: So viele Gedanken! Daraus wird schnell der Schluss, man sei „nicht geeignet“. Dabei rechnen alle Traditionen fest mit dem Denken. Die Frage ist nur, welche Rolle es spielen soll. Es lassen sich grob drei Antworten unterscheiden: Gedanken loslassen, Gedanken als Werkzeug der Einsicht nutzen und das Denken selbst schulen.
Loslassen: Gedanken als Wolken
Im Zen und in vielen Formen der Achtsamkeit gilt die Faustregel: Gedanken dürfen kommen und gehen, man folgt ihnen nur nicht. Ein beliebtes Bild sind Wolken am Himmel. Sie ziehen vorbei, der Himmel bleibt. Dōgen spricht sinngemäß vom „Denken des Nicht-Denkens“. Gemeint ist kein Abschalten, sondern ein Gewahrsein, das Gedanken bemerkt, ohne sich in ihnen zu verfangen. In der Vipassana-Meditation nach Mahasi Sayadaw benennt man den Vorgang knapp mit „denken, denken“ und kehrt zum Atem zurück. So wird sichtbar, dass Gedanken Ereignisse sind und keine Befehle.
Prüfen: Denken als Werkzeug der Einsicht
Die tibetische Tradition unterscheidet ausdrücklich zwei Arten der Meditation. In der Analysemeditation denkt man einen Lehrinhalt Schritt für Schritt durch, etwa die eigene Vergänglichkeit oder die Frage, wo genau das Ich zu finden sei. Wenn eine Einsicht aufleuchtet, wechselt man in die Verweilmeditation und bleibt ohne weitere Worte bei dieser Einsicht. Der Stufenweg (Lamrim) der Gelug-Schule ist voller solcher Betrachtungen. Denken ist hier nicht der Feind der Meditation, sondern ihr Anfang.
Auch die christliche Klostertradition kennt diese Bewegung. In der meditatio der Lectio divina wird ein Wort gedanklich durchdrungen, bevor die contemplatio in die Stille führt. Ignatius von Loyola lässt in seinen Exerzitien Überlegungen und Vorstellungen anstellen, auf die dann eine Zwiesprache folgt.
Schulen: Denken als Organ
Rudolf Steiner geht einen dritten Weg. Schon in seiner Philosophie der Freiheit (1894) sah er im Denken die Tätigkeit, in der der Mensch am meisten bei sich selbst ist, weil er sie selbst hervorbringt. Die anthroposophische Meditation will diese Tätigkeit deshalb nicht beruhigen, sondern intensivieren. In der Konzentrationsübung auf einen einfachen Gegenstand lenkt man das Denken fünf Minuten lang vollkommen bewusst. Später soll das Denken so kräftig werden, dass es auch ohne Sinnesgegenstand tragen kann, etwa in der Betrachtung eines Meditationsspruches.
Das unterscheidet sich deutlich vom Zen. Dort gilt es als Fortschritt, wenn man nicht mehr an Gedanken haftet. Bei Steiner ist es ein Fortschritt, wenn man das Denken in der Hand hat. Beide Wege zielen allerdings auf dasselbe Gegenteil: auf das unkontrollierte, zwanghafte Weiterlaufen der Gedanken, das Psychologen Grübeln nennen.
| Haltung | Östliche Beispiele | Westliche Beispiele |
|---|---|---|
| Gedanken loslassen | Zazen, Shikantaza, Achtsamkeit | Centering Prayer, Wolke des Nichtwissens |
| Gedanken prüfen | Analysemeditation, Lamrim | Lectio divina, Ignatianische Betrachtung |
| Denken schulen | teils Kōan-Arbeit im Rinzai-Zen | Steiners Konzentrationsübung |
Wofür das im Alltag wichtig ist
Für Menschen, die viel grübeln, ist der Unterschied praktisch bedeutsam. Wer sich endlos um dieselben Sorgen dreht, profitiert oft davon, Gedanken als bloße Gedanken zu erkennen. Genau darauf baut die achtsamkeitsbasierte Rückfallvorbeugung bei Depression auf. Wer dagegen eher zerstreut ist und Mühe hat, einen Gedankengang zu Ende zu führen, findet in einer Konzentrationsübung oder einer Textbetrachtung vielleicht mehr Halt als im offenen Gewahrsein.
Ein Versuch mit beiden Richtungen
Nehmen Sie sich zweimal zehn Minuten. In der ersten Runde sitzen Sie mit dem Atem und benennen jeden Gedanken nur mit dem Wort „denken“. In der zweiten Runde nehmen Sie einen Gegenstand, einen Schlüssel etwa, und denken zehn Minuten lang ausschließlich über ihn nach: Material, Herstellung, Geschichte, Zweck. Kehren Sie jedes Mal zurück, wenn Sie abschweifen. Vergleichen Sie danach, welche Übung Sie klarer und welche Sie ruhiger gemacht hat. Beide Erfahrungen sind wertvoll. Weitere Übungen zur Sammlung finden Sie im Beitrag über Fokus und Konzentration.