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MeditationOst · West
Brücken

Ich und Nicht-Ich: die Grundfrage zwischen Ost und West

An keiner Stelle unterscheiden sich östliche und westliche Meditationswege so grundsätzlich wie beim Ich. Die buddhistische Lehre hält es für eine Täuschung. Christliche Mystik und Anthroposophie sehen in ihm den Ort, an dem das Göttliche oder Geistige erwacht. Beide Seiten verdienen einen genauen Blick.

Aktualisiert am · Lesezeit etwa 4 Minuten

Links ein Kreis, der sich in Punkte auflöst (Nicht-Selbst), rechts ein Kreis mit hellem Zentrum (höheres Ich)anattāhöheres Ich
Zwei Bilder für das Selbst: links ein Kreis, der sich bei genauer Betrachtung in einzelne Vorgänge auflöst, rechts ein Kreis, dessen Mitte heller wird.

Die buddhistische Lehre vom Nicht-Selbst

Der Buddha lehrte, dass alles Bedingte drei Merkmale hat: Es ist vergänglich (anicca), leidhaft (dukkha) und ohne Selbst (anattā). Mit dem letzten Merkmal wendet er sich gegen die indische Lehre vom ātman. Das war die Vorstellung eines ewigen, unveränderlichen Selbst, das mit dem Weltgrund eins ist.

Wie kommt der Buddhismus zu diesem Schluss? Er zerlegt die Person in fünf „Gruppen“ (khandha): Körperlichkeit, Empfindung, Wahrnehmung, Gestaltungen des Geistes und Bewusstsein. In jeder dieser Gruppen sucht er nach etwas, das bleibt, das man wirklich besitzt und über das man verfügt. Er findet nichts. Ein bekanntes Gleichnis aus den Fragen des Milinda vergleicht die Person mit einem Wagen. Weder die Räder noch die Deichsel noch der Kasten sind der Wagen, und doch gibt es ihn als Bezeichnung für das Zusammenspiel der Teile.

Wichtig ist: Die Lehre sagt nicht, dass es niemanden gibt, der handelt und erlebt. Sie sagt, dass dieses Jemand kein fester Kern ist, sondern ein Prozess. Leid entsteht nach buddhistischer Auffassung, weil wir an einem Ich festhalten, das es so nicht gibt. In der Meditation soll diese Einsicht nicht nur gedacht, sondern unmittelbar erfahren werden, etwa wenn man in der Vipassana-Meditation beobachtet, wie Gedanken und Gefühle von selbst entstehen und vergehen.

Leerheit und Buddha-Natur

Der spätere Mahāyāna-Buddhismus radikalisierte die Lehre. Nicht nur die Person, alle Dinge sind „leer“ (śūnya) von Eigensein. Zugleich entstand die Lehre von der Buddha-Natur. Sie besagt, dass in jedem Wesen die Anlage zum Erwachen liegt. Manche Texte beschreiben diese Natur mit Worten, die fast wie ein wahres Selbst klingen: ewig, rein, freudvoll. Buddhistische Gelehrte streiten bis heute, wie das mit der Lehre vom Nicht-Selbst zusammenpasst. Für den Vergleich mit dem Westen ist dieser Streit spannend, denn hier liegt eine Brücke.

Das Ich in der christlichen Mystik

Die christliche Tradition spricht von der Seele, die von Gott geschaffen ist und nicht vergeht. Die Mystik geht aber oft weit über ein gewöhnliches Ich-Verständnis hinaus. Paulus schreibt: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Galater 2,20). Meister Eckhart fordert, dass der Mensch „sich selbst lassen“ müsse, und spricht von einem Seelengrund, der mit Gott eins ist. Johannes vom Kreuz beschreibt eine „Nacht“, in der alles Eigene entzogen wird.

Der Unterschied zum Buddhismus: Das Ich wird nicht als Täuschung durchschaut, sondern hingegeben, und zwar an ein Gegenüber. Was übrig bleibt, ist nicht Leerheit, sondern Beziehung, Einung, Liebe.

Das höhere Ich bei Steiner

Die anthroposophische Meditation setzt am entgegengesetzten Punkt an. Steiner unterscheidet ein „niederes“ oder alltägliches Ich, das von Wünschen, Gewohnheiten und Sinneseindrücken bestimmt wird, von einem „höheren Ich“. Dieses höhere Ich soll durch Übung erwachen. Das gewöhnliche Ich wird also nicht aufgelöst, sondern verwandelt und gestärkt, bis es sich selbst geistig erfassen kann. Steiner sah darin gerade den Auftrag des westlichen Menschen und grenzte sich damit bewusst von der östlichen Ich-Kritik ab, wie er sie verstand.

BuddhismusChristliche Mystik / Anthroposophie
Status des Ichbedingter Prozess ohne festen Kerngeschaffene Seele / zu verwandelndes Ich
Grund des LeidsFesthalten an einem vermeintlichen SelbstTrennung von Gott / Gebundenheit an das niedere Ich
Wegdurchschauen, loslassenhingeben / verwandeln und stärken
ZielErlöschen der Selbst-Illusion (Nirvāṇa)Einung mit Gott / Erwachen des höheren Ich

Was das für die Praxis bedeutet

Im Alltag des Übens liegen die Wege näher beieinander, als die Lehren vermuten lassen. Alle raten dazu, sich weniger mit den eigenen Gedanken, Launen und Wünschen zu identifizieren. Alle warnen davor, spirituelle Erfahrungen als Besitz zu betrachten. Ob man das Ergebnis dann „Nicht-Selbst“, „Gelassenheit“ oder „höheres Ich“ nennt, ist mehr als ein Wortstreit. Die Deutung prägt, wie man mit dem Erlebten umgeht und wohin man weitergeht.

Ein Hinweis aus der Psychologie ist hilfreich. Der Psychotherapeut Jack Engler hat sinngemäß formuliert, man müsse erst jemand sein, bevor man niemand sein könne. Wer kein stabiles Selbstgefühl hat, etwa in einer schweren Krise, erlebt Übungen zur Auflösung des Ich eher als bedrohlich denn als befreiend. Hier kann ein Weg, der das Ich zunächst stärkt, der klügere Anfang sein.

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