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Östliche Wege

Tibetische Meditation: Bild, Klang und Mitgefühl

Der tibetische Buddhismus übernimmt Ruhe- und Einsichtsmeditation und fügt ihnen eine reiche Welt aus Bildern, Klängen und Ritualen hinzu. Dahinter steht die Idee, dass man die Vorstellungskraft nicht ausschalten, sondern verwandeln sollte.

Aktualisiert am · Lesezeit etwa 4 Minuten

Schematisches Mandala: Quadrat mit vier Toren, konzentrische Kreise, acht Blütenblätter und ein Mittelpunkt
Schema eines Mandalas: ein Palast mit vier Toren um einen Mittelpunkt. In der Visualisierung wird ein solches Bild Schritt für Schritt innerlich aufgebaut.

Das „Diamantfahrzeug“

Der Buddhismus Tibets, der Mongolei und des Himalaya wird meist Vajrayāna genannt, „Diamantfahrzeug“. Er versteht sich nicht als eigene Religion neben dem übrigen Buddhismus. Er baut auf den älteren Lehren auf und ergänzt sie um tantrische Methoden. Grundlage sind weiterhin Ruhe (tibetisch shine) und Einsicht (lhagthong). Neu ist die Überzeugung, dass Körper, Sprache und Vorstellungskraft selbst zu Mitteln der Befreiung werden können, wenn man sie richtig einsetzt.

Der Übungsweg beginnt in den meisten Schulen mit „vorbereitenden Übungen“ (ngöndro). Dazu gehören Betrachtungen über die kostbare menschliche Existenz, die Vergänglichkeit, das Gesetz von Ursache und Wirkung und das Leiden im Daseinskreislauf. Es folgen oft zehntausende Niederwerfungen, Mantra-Rezitationen und Opferungen. Erst danach werden die eigentlichen tantrischen Methoden unterrichtet, meist nach einer Ermächtigung durch einen Lehrer.

Visualisierung: das Bild als Spiegel

In der sogenannten Gottheiten-Meditation stellt sich der Übende eine Buddha-Gestalt vor, etwa Avalokiteśvara (tibetisch Chenrezig), die Verkörperung des Mitgefühls. Er baut das Bild in allen Einzelheiten auf: Farbe, Haltung, Gegenstände in den Händen, den umgebenden Palast. Am Ende löst er es wieder auf. Fortgeschrittene identifizieren sich in der Vorstellung mit der Gestalt selbst.

Das wirkt auf westliche Beobachter oft wie Götterverehrung. Die Lehrer betonen jedoch, dass die Gestalten keine äußeren Wesen sind. Sie verkörpern Eigenschaften des eigenen erwachten Geistes. Die Auflösung am Ende soll zeigen, dass auch diese Bilder leer von festem Sein sind. Der Geist lernt, Bilder zu erzeugen, ohne an ihnen zu haften.

Mantra: Sprache als Übung

Zur Visualisierung gehört fast immer ein Mantra. Das bekannteste, Om maṇi padme hūṃ, ist Avalokiteśvara zugeordnet und begegnet in Tibet überall: auf Steinen, Fahnen und Gebetsmühlen. Die Silben werden halblaut oder still wiederholt und oft an einer Kette mit 108 Perlen gezählt. Die Wiederholung beruhigt den Geist und bindet die Sprache in die Übung ein. Verwandte Formen gibt es in der Ostkirche mit dem Jesusgebet. Einen Vergleich finden Sie im Beitrag Mantra und Gesang.

Tonglen: Geben und Nehmen

Eine Übung, die auch außerhalb Tibets bekannt geworden ist, heißt Tonglen, „Geben und Nehmen“. Sie gehört zur Geistesschulung (lojong), deren Merksätze im 12. Jahrhundert aufgeschrieben wurden. Beim Einatmen stellt man sich vor, das Leid eines anderen Menschen als dunklen Rauch aufzunehmen. Beim Ausatmen schickt man ihm Wohlergehen als helles Licht. Das kehrt die gewohnte Bewegung des Geistes um, Angenehmes festzuhalten und Unangenehmes abzuwehren.

Dzogchen und Mahamudra: den Geist selbst betrachten

Am Ende vieler tibetischer Übungswege stehen Lehren, die auf alle Hilfsmittel verzichten. In der Nyingma-Schule heißen sie Dzogchen („große Vollkommenheit“), in der Kagyü-Schule Mahāmudrā („großes Siegel“). Hier wird nicht mehr visualisiert und nichts mehr gezählt. Der Lehrer „zeigt“ dem Schüler die Natur seines eigenen Geistes, und der Übende verweilt in diesem offenen, klaren Gewahrsein. Die Nähe zu Zen und zur christlichen „Wolke des Nichtwissens“ fällt auf. Die Tradition besteht aber darauf, dass dieser Punkt nur nach gründlicher Vorbereitung sinnvoll zu erreichen ist.

Was man daraus mitnehmen kann

Auch ohne tantrische Einweihung zeigt die tibetische Praxis etwas Wichtiges: Meditation muss nicht bildlos sein. Innere Bilder, Klang und Rhythmus können den Geist sammeln, statt ihn zu zerstreuen, wenn man sie bewusst einsetzt und wieder loslässt. Wer gern mit Vorstellungen arbeitet, findet hier einen Zugang, der dem anthroposophischen Schulungsweg näher ist, als man zunächst vermutet.

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