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Yoga

Hatha Yoga: die Kunst der Körperhaltungen und ihre Geschichte

Für die meisten Menschen im Westen ist Hatha Yoga einfach „normales“ Yoga. Seine Geschichte ist aber ungewöhnlicher, als man denkt. Die mittelalterlichen Texte beschreiben einen radikalen Weg zur Befreiung, und viele der heute beliebtesten Übungen kamen erst im 20. Jahrhundert dazu.

Aktualisiert am · Lesezeit etwa 3 Minuten

Indische Miniaturmalerei: ein Yogi in der Übung Mahamudra auf einem Tierfell unter einem Baum
Die Übung Mahāmudrā in einer illustrierten Handschrift der Joga Pradīpikā (19. Jahrhundert). Viele Hatha-Übungen verbinden Haltung, Atem und Verschlüsse. Bild: Ramanandi Jayatarama in the Joga Pradīpikā · gemeinfrei · Wikimedia Commons

Kraft statt Sanftheit

Das Wort haṭha bedeutet im Sanskrit „Kraft“ oder „Gewalt“. Hatha Yoga war also ursprünglich der „Yoga der Anstrengung“. Eine spätere, beliebte Deutung zerlegt das Wort in ha (Sonne) und ṭha (Mond) und sieht darin die Vereinigung von Gegensätzen. Diese Deutung ist schön, aber jünger als der Begriff.

Die ersten Texte, die Hatha-Techniken beschreiben, stammen etwa aus dem 11. Jahrhundert. Der wichtigste ist die Haṭhayogapradīpikā des Svātmārāma aus dem 15. Jahrhundert. Sie gliedert den Weg in Körperhaltungen (āsana), Atemlenkung (prāṇāyāma), Gesten und Verschlüsse (mudrā, bandha) und das Lauschen auf den inneren Klang (nāda). Das Ziel ist ausdrücklich nicht Fitness, sondern der Zustand des rāja yoga, der vollkommenen Sammlung. Hatha Yoga ist dort die Leiter, Meditation das Dach.

Wenige Haltungen, viel Atem

Überraschend ist, wie wenige Körperhaltungen die alten Texte beschreiben. Die Hathayogapradipika nennt fünfzehn, viele davon Sitzhaltungen wie den Lotussitz. Dazu gehören auch die Rückenlage Shavasana und eine Drehung im Sitzen, die nach dem legendären Yogi Matsyendra benannt ist (matsyendrāsana). Viel mehr Raum nehmen Atemübungen und Reinigungstechniken ein. Wer diese Texte liest, begegnet einem Übungsweg, der der Meditation näher steht als dem Fitnessstudio.

Wie der moderne Yoga entstand

Die dynamischen Übungsfolgen, die heute in fast jedem Kurs vorkommen, entstanden weitgehend im 20. Jahrhundert. Im Palast von Mysore entwickelte Krishnamacharya in den 1930er-Jahren ein Übungsprogramm für junge Männer, das Yogahaltungen mit Elementen der damals populären Körperkultur verband. Forscher wie Mark Singleton haben gezeigt, dass dabei auch skandinavische Gymnastik und indische Ringertraditionen Pate standen.

Auch der Sonnengruß (sūrya namaskār) ist in seiner heutigen Form jung. Er wurde in den 1920er-Jahren in Indien als Gesundheitsübung propagiert, unter anderem vom Raja des Fürstenstaats Aundh. Übungen wie der Stab (chaturaṅga daṇḍāsana), die Krähe (kākāsana, im Unterricht oft mit dem Kranich bakāsana gleichgesetzt) oder die Taube (kapotāsana in ihren verschiedenen Formen) kamen über die modernen Schulen hinzu. Der heute so genannte Fisch (matsyāsana), eine Rückbeuge im Liegen, ist ebenfalls in neueren Lehrbüchern verbreitet.

Eine Hatha-Stunde heute

Eine typische Stunde in Deutschland dauert 60 bis 90 Minuten und folgt einem vertrauten Aufbau:

  1. Ankommen: einige Minuten sitzen oder liegen, den Atem wahrnehmen
  2. Aufwärmen: Bewegungen der Wirbelsäule, oft ein paar Runden Sonnengruß
  3. Haltungen: stehende Haltungen, Gleichgewicht, Vorbeugen, Rückbeugen, Drehungen, Umkehrhaltungen in angepasster Form
  4. Atemübungen: etwa die Wechselatmung durch die Nasenlöcher
  5. Endentspannung: Shavasana, manchmal eine kurze Yoga-Nidra-Anleitung
  6. Stille: einige Minuten Sitzen zum Abschluss

Die Haltung als Meditation

Man kann jede Körperhaltung wie eine Meditation üben. Man nimmt sie langsam ein, bleibt einige Atemzüge, spürt, wo sie wirkt und wo Widerstand ist, und löst sie ebenso achtsam wieder. Entscheidend ist nicht, wie weit man kommt, sondern wie wach man dabei ist. So verstanden ist Hatha Yoga keine Vorstufe der Meditation, sondern eine ihrer Formen. Der Beitrag über Yoga-Arten hilft, einen Stil zu finden, der diesen Zugang pflegt.

Vorsicht bei Beschwerden

Yoga gilt als sanft, doch Verletzungen kommen vor, vor allem an Handgelenken, Schultern, Knien und Nacken. Gehen Sie nicht über Schmerz hinaus, und informieren Sie die Lehrkraft über Beschwerden, eine Schwangerschaft oder Operationen. Umkehrhaltungen wie Kopf- oder Schulterstand sollten Sie nur unter Anleitung üben.

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