Wie die Meditation in den Westen kam
Dass man in Deutschland in fast jeder Stadt einen Meditationskurs findet, ist das Ergebnis einer rund zweihundertjährigen Geschichte. Sie begann mit Übersetzungen und Philosophie, führte über esoterische Gesellschaften und die Gegenkultur und mündet heute in Kliniken und Unternehmen.
Aktualisiert am · Lesezeit etwa 4 Minuten
Philosophen und Philologen
Die erste Begegnung fand im Kopf statt. Um 1800 erschienen die ersten europäischen Übersetzungen der Upanishaden und der Bhagavad Gita. Arthur Schopenhauer las sie begeistert. In seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung (1819) und später noch deutlicher verband er seine Philosophie mit indischen und buddhistischen Gedanken. Über ihn kam der Buddhismus in die deutsche Bildungswelt. Philologen übersetzten Ende des 19. Jahrhunderts die Pali-Texte, der Wiener Karl Eugen Neumann etwa die Lehrreden des Buddha. Meditation als Praxis spielte in dieser Phase noch kaum eine Rolle. Man las über sie.
Esoterische Gesellschaften
Eine neue Richtung kam mit der Theosophischen Gesellschaft, 1875 in New York von Helena Blavatsky und Henry Steel Olcott gegründet. Sie verband indische und buddhistische Lehren mit westlicher Esoterik und verbreitete Begriffe wie Karma, Reinkarnation und Chakra in Europa und Amerika. Rudolf Steiner leitete ab 1902 die deutsche Sektion. Mit seinem meditativen Schulungsweg, 1904/05 veröffentlicht, schuf er bewusst eine westliche, christlich geprägte Alternative und trennte sich 1912/13 von den Theosophen.
Erste buddhistische Gemeinschaften
1893 kamen beim Weltparlament der Religionen in Chicago Vertreter asiatischer Religionen vor ein großes westliches Publikum, darunter der Hindu-Mönch Vivekananda und der Zen-Abt Shaku Sōen. In Deutschland entstand 1903 in Leipzig die erste buddhistische Vereinigung. 1924 ließ der Arzt Paul Dahlke in Berlin-Frohnau das Buddhistische Haus errichten, das heute als ältestes buddhistisches Zentrum Europas gilt. Die Zahl der Übenden blieb aber klein.
Der Zen-Boom
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Zen zum Modewort. Dazu trugen vor allem die englischen Bücher des japanischen Gelehrten Daisetz T. Suzuki bei, dessen Essays in Zen Buddhism ab 1927 erschienen. Eugen Herrigels Zen in der Kunst des Bogenschießens (1948) wurde in Deutschland ein Bestseller. In den USA begeisterten sich die Dichter der Beat-Generation für Zen. Wenig später kamen japanische Lehrer, die feste Übungsorte gründeten. Christliche Ordensleute begannen, Zen zu üben, und verbanden es mit der Mystik ihrer eigenen Tradition.
Gegenkultur und Massenbewegung
In den 1960er-Jahren wurde Meditation populär. Die Transzendentale Meditation des indischen Lehrers Maharishi Mahesh Yogi erreichte, nicht zuletzt durch den Besuch der Beatles 1968 in Indien, ein Massenpublikum. Tibetische Lamas, die nach 1959 ins Exil gegangen waren, gründeten Zentren in Europa und Amerika. Westliche Schülerinnen und Schüler, die in Thailand, Burma und Indien Vipassana gelernt hatten, kehrten zurück und unterrichteten selbst.
Wissenschaft und Achtsamkeit
Mit dem Programm MBSR, das Jon Kabat-Zinn 1979 in Massachusetts entwickelte, begann eine neue Phase. Meditation wurde zum Gegenstand der Medizin und Psychologie und hielt Einzug in Kliniken, Schulen und Unternehmen. Heute gibt es tausende Studien, Meditations-Apps mit Millionen Nutzern und ein breites Kursangebot, oft ohne jeden religiösen Bezug.
Die Wiederentdeckung der eigenen Tradition
Eine Folge der Begegnung wird oft übersehen: Sie hat im Westen die Wiederentdeckung der eigenen kontemplativen Tradition angestoßen. Das Herzensgebet, das Centering Prayer und die Lektüre Meister Eckharts wurden auch deshalb wieder populär, weil Menschen durch Zen und Yoga neugierig geworden waren. Beide Seiten stellen sich heute der Frage, die auch dieser Seite ihren Namen gibt: Was können Meditation in Ost und West voneinander lernen, ohne ihr Eigenes zu verlieren?