Zum Inhalt
MeditationOst · West
Im Alltag

Meditation und Schmerz: der zweite Pfeil

Meditation heilt keine Bandscheibe und bringt keinen verstorbenen Menschen zurück. Sie kann aber verändern, wie wir Schmerz erleben. Ein altes buddhistisches Gleichnis beschreibt, wie das gemeint ist, und die moderne Schmerzforschung gibt ihm in Teilen recht.

Aktualisiert am · Lesezeit etwa 4 Minuten

Gleichnis von den zwei Pfeilen: ein Pfeil trifft als Schmerz, ein zweiter, gestrichelter Pfeil steht für den selbst hinzugefügten Widerstanderster Pfeil: der Schmerzzweiter Pfeil: Widerstand, Grübeln
Der erste Pfeil trifft uns ohne unser Zutun. Den zweiten fügen wir oft selbst hinzu: durch Widerstand, Sorgen und Grübeln.

Das Gleichnis von den zwei Pfeilen

In einer Lehrrede des Pali-Kanons fragt der Buddha, was geschieht, wenn ein Mensch von einem Pfeil getroffen wird und gleich darauf von einem zweiten. Der Schmerz ist doppelt. So gehe es dem ungeübten Menschen, erklärt er sinngemäß. Wenn ihn ein schmerzhaftes Gefühl trifft, klagt er, wehrt sich, grämt sich, und damit fügt er dem körperlichen Schmerz einen seelischen hinzu. Der geübte Mensch spürt den ersten Pfeil ebenso, aber er schießt sich nicht auch noch den zweiten ein.

Das Gleichnis leugnet den Schmerz nicht. Es unterscheidet zwischen dem, was geschieht, und dem, was wir daraus machen: Angst vor der Zukunft („Das wird nie wieder gut“), Widerstand („Das darf nicht sein“), Selbstvorwürfe („Ich hätte besser aufpassen müssen“).

Was die Schmerzforschung dazu sagt

Die moderne Medizin sieht das ähnlich. Schmerz ist nicht nur ein Signal aus dem Gewebe. Er ist eine Erfahrung, die das Gehirn aus vielen Quellen zusammensetzt, darunter Aufmerksamkeit, Erwartung, Stimmung und Erinnerung. Deshalb tut dieselbe Verletzung unterschiedlich weh, je nachdem, ob man ängstlich oder abgelenkt ist.

Das Programm MBSR wurde ursprünglich für Menschen mit chronischen Schmerzen entwickelt. Übersichtsarbeiten zeigen, dass Achtsamkeitsprogramme Schmerzerleben und schmerzbedingte Beeinträchtigung im Mittel leicht bis mäßig verringern können. Oft verändert sich weniger die Stärke des Schmerzes als das Leiden darunter. Die Betroffenen sagen dann etwa: „Der Schmerz ist noch da, aber er beherrscht mich nicht mehr so.“

Übungen bei körperlichem Schmerz

  1. Hinspüren statt Wegdrücken. Richten Sie die Aufmerksamkeit behutsam auf die schmerzende Stelle. Wie genau fühlt sie sich an: stechend, ziehend, pochend, warm? Bleibt sie gleich oder verändert sie sich? Oft zeigt sich, dass „der Schmerz“ aus wechselnden Empfindungen besteht.
  2. Den Rand erkunden. Wo hört der Schmerz auf? Welche Körperregionen sind gerade schmerzfrei? Das erweitert den Blick über die Schmerzstelle hinaus.
  3. Atmen mit dem Schmerz. Stellen Sie sich vor, der Atem ströme in die schmerzende Region und wieder hinaus, ohne etwas verändern zu wollen.
  4. Pendeln. Wechseln Sie die Aufmerksamkeit zwischen der Schmerzstelle und einer angenehmen oder neutralen Stelle, etwa den Händen.

Seelischer Schmerz: Kummer, Trauer, Kränkung

Das Gleichnis gilt auch für seelischen Schmerz. Trauer um einen Menschen ist der erste Pfeil. Er gehört zum Leben und soll gefühlt werden. Der zweite Pfeil sind dann Gedanken wie „Ich müsste längst darüber hinweg sein“ oder das Verbot, traurig zu sein. Meditation kann einen Raum schaffen, in dem Trauer da sein darf, ohne alles zu überfluten.

Die tibetische Übung Tonglen und die christliche Fürbitte gehen noch einen Schritt weiter. Sie verbinden den eigenen Schmerz mit dem Schmerz anderer. Wer trauert, kann still an alle denken, die gerade ebenso trauern. Das nimmt den Kummer nicht weg, löst aber das Gefühl, damit allein zu sein.

Grenzen

Bei schweren Traumafolgen kann das Hinspüren zu Körperempfindungen oder Erinnerungen überwältigend sein. Hier sind traumasensible Anleitungen wichtig. Sie lassen die Augen offen, halten die Übungen kurz und bieten jederzeit die Möglichkeit auszusteigen. Das gilt auch für akute Trauer in den ersten Wochen: Manchmal braucht es zuerst Menschen, Gespräche und Zeit, bevor stille Übung hilfreich wird.

Ein Satz zum Mitnehmen

Viele Menschen mit langjährigen Schmerzen berichten, dass sich etwas verändert hat, als sie aufhörten, gegen den Schmerz zu kämpfen, ohne sich ihm zu ergeben. Das klingt nach einem Widerspruch. Genau diese mittlere Haltung übt die Meditation: wahrnehmen, was ist, und den zweiten Pfeil im Köcher lassen.

Passt dazu