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Im Alltag

Meditation und Kreativität: wie Stille Einfälle begünstigt

Viele Künstler, Schriftstellerinnen und Wissenschaftler berichten, dass ihnen die besten Ideen in der Stille kommen: auf Spaziergängen, unter der Dusche, beim Aufwachen. Meditation scheint da naheliegend. Doch nicht jede Form hilft dem kreativen Denken gleich gut.

Aktualisiert am · Lesezeit etwa 3 Minuten

Ein ruhiger Kreis, aus dem nach rechts viele Linien in verschiedene Richtungen ausstrahlen
Offene, unverkrampfte Aufmerksamkeit lässt Verbindungen in viele Richtungen zu.

Zwei Arten von Aufmerksamkeit

Die Meditationsforschung unterscheidet grob zwischen fokussierter Aufmerksamkeit, bei der man bei einem Gegenstand bleibt, und offenem Gewahrsein, bei dem man alles wahrnimmt, was auftaucht, ohne etwas festzuhalten. Für kreatives Denken ist dieser Unterschied wichtig.

Eine Studie der Leidener Psychologin Lorenza Colzato und ihrer Kollegen aus dem Jahr 2012 ließ geübte Meditierende beide Formen üben und danach kreative Aufgaben lösen. Nach offener Meditation waren sie besser im divergenten Denken, also darin, möglichst viele verschiedene Ideen zu einer Aufgabe zu finden, etwa ungewöhnliche Verwendungen für einen Ziegelstein. Die fokussierte Meditation half dabei nicht. Die Studie war klein, passt aber zu einer verbreiteten Beobachtung: Enge Sammlung ist gut für die Ausarbeitung, offene Weite für den Einfall.

Warum Stille Einfälle begünstigt

Die Kreativitätsforschung kennt seit Langem das Phänomen der Inkubation: Nach intensiver Beschäftigung mit einem Problem hilft es, loszulassen und etwas anderes zu tun. Die Lösung kommt dann oft überraschend. Meditation kann diese Phase bewusst gestalten. Statt sich abzulenken, lässt man den Geist ruhen, ohne ihn zu füllen.

Dazu kommt ein zweiter Effekt. Wer regelmäßig übt, lernt, Gedanken kommen und gehen zu lassen, ohne sie sofort zu bewerten. Genau diese Haltung empfehlen Kreativitätstechniken: Ideen zuerst sammeln, dann urteilen. Der innere Kritiker wird nicht abgeschafft, aber er kommt später an die Reihe.

Was die Traditionen dazu sagen

Im Zen gibt es eine enge Verbindung zwischen Meditation und Kunst. Tuschmalerei, Kalligrafie, Teeweg und Bogenschießen werden als „Wege“ (dō) geübt, in denen dieselbe Haltung wirkt wie beim Sitzen. Ein Kreis, mit einem einzigen Pinselstrich gemalt (ensō), gilt als Ausdruck des Geisteszustands im Moment des Malens. Die Kunst entsteht aus der Leere, nicht aus der Absicht.

Auch die christliche Mystik kennt diese Bewegung. Meister Eckhart spricht davon, leer zu werden, damit etwas Neues geboren werden kann. Viele Kirchenmusiker und Ikonenmaler verstanden ihre Arbeit als Gebet. In der Ikonenmalerei gehören Fasten und Gebet bis heute zur Vorbereitung.

Übungen für kreatives Arbeiten

  1. Offenes Sitzen vor der Arbeit. Zehn Minuten sitzen, ohne Anker. Alles darf kommen und gehen: Geräusche, Gedanken, Körperempfindungen. Danach die Aufgabe beginnen.
  2. Gehen. Eine Studie der Stanford University zeigte 2014, dass Menschen beim Gehen und kurz danach mehr kreative Ideen fanden als im Sitzen. Eine langsame, achtsame Runde vor schwierigen Entscheidungen verbindet beides.
  3. Das Notizbuch neben dem Kissen. Wenn während der Meditation ein Einfall kommt, notieren Sie ihn nach der Sitzung in einem Wort und kehren zur Übung zurück, beim nächsten Mal nicht mehr mittendrin.
  4. Einfache Wahrnehmung. Schauen Sie fünf Minuten lang einen Alltagsgegenstand an, als hätten Sie ihn nie gesehen. Die Übung schärft den Blick fürs Unscheinbare, eine Grundlage vieler Kunst.

Grenzen

Meditation ersetzt kein Handwerk. Ideen brauchen Ausarbeitung, Übung und Kritik, und dafür ist fokussierte Arbeit nötig. Wer beide Formen kennt, weiß, wann welche gebraucht wird. Mehr über die fokussierte Seite erfahren Sie im Beitrag über Fokus und Konzentration.

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