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Im Alltag

Die Wissenschaft der Stille: was Meditation in Gehirn und Körper bewirkt

Kaum ein Ratgeber kommt ohne den Satz aus, Meditation sei „wissenschaftlich bewiesen“. Das stimmt teilweise. Die Forschung ist aber vorsichtiger, als es die Schlagzeilen vermuten lassen. Ein ehrlicher Überblick lohnt sich, auch für überzeugte Meditierende.

Aktualisiert am · Lesezeit etwa 3 Minuten

Qualitative Übersicht, wie gut Wirkungen von Meditationsprogrammen belegt sind: am besten für Angst, depressive Symptome, Schmerz und StressAngstDepressive SymptomeSchmerzerlebenStresserlebenAufmerksamkeitSchlafGewicht, Substanzgebrauchschwach · mäßig · deutlicher belegt (qualitative Einordnung)
Grobe, qualitative Einordnung der Beweislage für Meditationsprogramme auf Grundlage großer Übersichtsarbeiten. Keine Messwerte, sondern eine Orientierung.

Ein Forschungsfeld im Aufschwung

Seit den 1970er-Jahren untersuchen Wissenschaftler Meditation, zunächst vor allem die Transzendentale Meditation, später die Achtsamkeitsprogramme. Heute erscheinen jedes Jahr über tausend Fachartikel dazu. Das hat viel Wissen erzeugt, aber auch viele kleine, methodisch schwache Studien. 2018 veröffentlichte eine Gruppe von 15 Forschern einen vielbeachteten Warnruf mit dem Titel Mind the Hype. Sie kritisierten unklare Begriffe, zu kleine Stichproben und übertriebene Pressemeldungen.

Was gut belegt ist

Die aussagekräftigsten Ergebnisse stammen aus Meta-Analysen, die viele randomisierte Studien zusammenfassen. Eine der wichtigsten erschien 2014 in JAMA Internal Medicine und wertete 47 Studien aus. Achtsamkeitsprogramme verbesserten demnach Angst, depressive Symptome und Schmerz in mäßigem Umfang. Für allgemeines Stresserleben und Lebensqualität war die Beweislage schwächer. Für Aufmerksamkeit, Schlaf, Essverhalten und Gewicht fand die Analyse wenig oder keine sicheren Belege.

Bei der Rückfallvorbeugung von Depressionen ist die achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie gut untersucht und wird in manchen Leitlinien empfohlen. 2022 zeigte eine Studie, dass ein MBSR-Kurs bei Angststörungen ähnlich gut wirkte wie ein gängiges Medikament. Die American Heart Association hielt 2017 fest, Meditation könne als Ergänzung zur Senkung des Herz-Kreislauf-Risikos erwogen werden, die Belege seien aber begrenzt.

Was mit dem Gehirn geschieht

Besonders populär sind Bilder vom „meditierenden Gehirn“. Kleine Studien aus den 2000er-Jahren fanden bei erfahrenen Meditierenden eine dickere Hirnrinde in bestimmten Regionen oder Veränderungen nach einem achtwöchigen Kurs. Diese Befunde gingen um die Welt. Größere, sorgfältiger kontrollierte Untersuchungen konnten sie später jedoch nicht bestätigen. Eine Studie mit über 200 Teilnehmenden fand 2022 nach MBSR keine messbaren strukturellen Veränderungen. Gut belegt ist dagegen, dass sich während der Meditation die Aktivität in Netzwerken verändert, die mit Aufmerksamkeit und Selbstbezug zu tun haben. Das ist spannend, aber weniger spektakulär als „Meditation baut Ihr Gehirn um“.

Nebenwirkungen

Lange wurde kaum danach gefragt, ob Meditation auch schaden kann. Inzwischen weiß man: Bei einem kleineren Teil der Übenden treten unangenehme Erfahrungen auf, etwa Angst, Unruhe, Schlafstörungen, das Wiederaufleben belastender Erinnerungen oder ein Gefühl der Unwirklichkeit. Meist sind sie vorübergehend, selten halten sie länger an. Risikofaktoren sind intensive Praxis, lange Retreats und eine psychische Vorbelastung. Die Forschungsgruppe um die Psychologin Willoughby Britton hat solche Erfahrungen systematisch dokumentiert.

AussageEinschätzung
„Meditation lindert Angst und Depression“mäßig belegt, vor allem für strukturierte Programme
„Meditation hilft bei chronischem Schmerz“mäßig belegt, eher weniger Leiden als weniger Schmerz
„Meditation senkt den Blutdruck“begrenzt belegt, als Ergänzung denkbar
„Meditation verändert die Hirnstruktur“frühe Befunde wurden nicht bestätigt
„Meditation macht bessere Menschen“kaum untersucht, Skepsis angebracht
„Meditation hat keine Nebenwirkungen“falsch

Warum Meditation schwer zu erforschen ist

Meditation lässt sich nicht so testen wie ein Medikament. Es gibt kein Placebo, das wie Meditation aussieht, aber nicht wirkt. Teilnehmende wissen, dass sie meditieren, und erwarten eine Wirkung. Dazu kommt, dass „Meditation“ sehr Verschiedenes meint: Zazen, Metta, Mantra, Körperreise. Ergebnisse einer Form lassen sich nicht einfach auf andere übertragen.

Was das für die eigene Praxis heißt

Man muss nicht an „bewiesene Wirkungen“ glauben, um zu meditieren. Die Traditionen haben Meditation nie mit Gesundheit begründet, sondern mit Einsicht, Gebet oder Befreiung. Wer aber aus gesundheitlichen Gründen übt, sollte realistische Erwartungen haben. Meditation kann ein wertvoller Baustein sein, besonders bei Stress, Angst und Schmerz. Sie ist aber kein Allheilmittel und nicht für jeden Menschen zu jeder Zeit das Richtige. Der Beitrag über Achtsamkeit und MBSR beschreibt das am besten untersuchte Programm genauer.

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