Yoga-Philosophie: die Themen hinter der Matte
In Yogalehrer-Ausbildungen und Workshops steht neben Anatomie und Lehrmethodik fast immer die Philosophie auf dem Plan. Sie ist mehr als ein Pflichtprogramm. Wer die Grundgedanken kennt, versteht, warum Yoga ursprünglich ein Weg der Meditation war.
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Das Yogasutra des Patanjali
Der wichtigste Grundtext ist das Yogasūtra, eine Sammlung von knapp 200 kurzen Merksätzen, die einem Gelehrten namens Patañjali zugeschrieben wird. Die Datierung ist unsicher. Die Forschung nennt meist einen Zeitraum zwischen den letzten Jahrhunderten vor und den ersten Jahrhunderten nach der Zeitenwende. Gleich zu Beginn steht die berühmte Definition. Sinngemäß lautet sie: Yoga ist das Zur-Ruhe-Kommen der Bewegungen des Geistes. Dann, so der nächste Satz, ruht der Sehende in seiner eigenen Natur.
Von Körperhaltungen ist dabei kaum die Rede. Das Yogasutra ist ein Meditationstext. Es beschreibt, wie der Geist zur Ruhe kommt, welche Hindernisse es gibt und welche Zustände der Versenkung man durchläuft.
Die acht Glieder
Im zweiten Kapitel beschreibt Patanjali den achtgliedrigen Weg (aṣṭāṅga yoga):
- Yama: Umgang mit anderen, etwa Gewaltlosigkeit und Wahrhaftigkeit
- Niyama: Umgang mit sich selbst, etwa Zufriedenheit und Selbststudium
- Āsana: ein fester, angenehmer Sitz
- Prāṇāyāma: Lenkung des Atems
- Pratyāhāra: Zurückziehen der Sinne von ihren Gegenständen
- Dhāraṇā: Konzentration auf einen Punkt
- Dhyāna: Meditation, ein ununterbrochener Strom der Aufmerksamkeit
- Samādhi: Versenkung, in der das Bewusstsein des Übenden im Gegenstand aufgeht
Die letzten drei Glieder fasst Patanjali als saṃyama zusammen. Sie bilden den Kern dessen, was man Meditation nennt. Die ethischen Stufen stehen am Anfang, wie der Beitrag Meditation und Ethik zeigt.
Die fünf Kleshas
Ein häufiges Workshop-Thema sind die kleśa, die „Trübungen“ oder Ursachen des Leids:
- Avidyā: Nichtwissen, das Vergängliche für ewig und das Nicht-Selbst für das Selbst halten
- Asmitā: Ich-Gefühl, die Verwechslung des Sehenden mit dem Werkzeug des Sehens
- Rāga: Anhaften am Angenehmen
- Dveṣa: Abneigung gegen das Unangenehme
- Abhiniveśa: Festhalten am Leben, Angst vor dem Tod
Diese Liste eignet sich gut für die eigene Praxis. In einer schwierigen Situation kann man fragen: Was ist hier gerade am Werk, Anhaften, Abneigung oder Angst?
Die Bhagavad Gita
Der zweite wichtige Text ist die Bhagavad Gītā, ein Abschnitt des indischen Epos Mahābhārata. Vor einer Schlacht belehrt der Gott Krishna den zweifelnden Krieger Arjuna. Die Gita kennt mehrere Wege des Yoga: den Weg des selbstlosen Handelns (karma yoga), den Weg der Hingabe (bhakti yoga), den Weg der Erkenntnis (jñāna yoga) und den Weg der Meditation. Ihr berühmter Rat, zu handeln, ohne an den Früchten des Handelns zu hängen, erinnert an Meister Eckharts Gelassenheit.
Yoga und Buddhismus: nah und doch verschieden
Viele Begriffe teilen Yoga und Buddhismus: dhyāna, samādhi, die Bedeutung der Ethik, das Zur-Ruhe-Bringen des Geistes. Im Kern gibt es aber einen großen Unterschied. Das Yogasutra beruht auf der Sāṃkhya-Philosophie. Sie unterscheidet das reine, ewige Bewusstsein (puruṣa) von der Natur (prakṛti), zu der auch Körper, Gefühle und Gedanken gehören. Ziel ist, dass das Bewusstsein sich als getrennt von allem Wandelbaren erkennt.
Der Buddhismus bestreitet genau ein solches ewiges Selbst. Diese Spannung zieht sich durch die ganze Geschichte der indischen Philosophie. Sie ähnelt der Frage, die zwischen Buddhismus und westlicher Mystik steht. Der Beitrag Ich und Nicht-Ich geht ihr nach.
| Begriff | Yogasutra | Buddhismus |
|---|---|---|
| Ziel | Kaivalya, Alleinsein des reinen Bewusstseins | Nirvāṇa, Erlöschen von Gier, Hass, Verblendung |
| Selbst | ewiges Bewusstsein (puruṣa) | kein beständiges Selbst (anattā) |
| Ethik | Yama, Niyama | Sīla, fünf Übungsregeln |
| Meditation | Dhāraṇā, Dhyāna, Samādhi | Samatha, Vipassanā |
Wie Philosophie in Workshops lebendig wird
Gute Workshops behandeln Philosophie nicht als Vortrag, sondern verbinden sie mit Erfahrung. Man liest ein Sutra, spricht darüber, übt es auf der Matte oder im Sitzen und tauscht sich danach aus. Ein Yama wie Gewaltlosigkeit kann in einer Stunde zum Thema werden, die bewusst ohne Ehrgeiz und ohne Überdehnung auskommt. Auf diese Weise wird aus Philosophie Praxis, und genau das war sie ursprünglich.